chronisch unpünktlich, monochrom ist doof und ab in eine polychrone kultur.

Ich bin über die Pünktlichkeit gestolpert. Was ich da zu sehen bekam, kann ich nicht für mich behalten, sind die Konsequenzen doch zu weitreichend.

Erstmal muss ich wohl in die Romandie, um niemanden durch einen Kulturschock zu gefährden:

So gilt es beispielsweise in der Deutschschweiz als höflich, ungefähr fünf Minuten vor dem verabredeten Zeitpunkt einzutreffen — in der Romandie jedoch ungefähr fünf Minuten nach dem verabredeten Zeitpunkt.

Ein verschiedener Umgang mit der Zeit kann also zu großen Kommunikationsproblemen oder gar Konflikten führen (siehe auch Kulturschock).

Dann scheint auch „Bauer sucht Frau“ eine echte Alternative darzustellen:

Im Alltagsleben von auf die Landwirtschaft ausgerichteten Gesellschaften hat sekundengenaue Pünktlichkeit in der Regel keine Bedeutung. […] In einer solchen Umgebung haben Uhren nur eine geringe Bedeutung und dienen höchstens der groben Orientierung.

Aber weil man sich auf dem Bauernhof ja immer so früh aus der Horizontalen quälen muss, ist das wohl auch nix. Bliebe die Suche nach einer eher vertikalen Kultur …

Gesellschaften mit einer horizontalen Zeitauffassung teilen ihre Zeit ein und haben Tendenz, jede Minute ihres Handelns zu planen und legen deswegen großen Wert auf Pünktlichkeit. Menschen in Gesellschaften mit einer vertikalen Zeitauffassung hingegen, verhalten sich diesbezüglich flexibler. Der Anthropologe Edward T. Hall (siehe Lit.) spricht von monochronen bzw. polychronen Kulturen.

Ein polychrones Zeitverständnis würde ich für eine Umsiedelung jedenfalls schon mitbringen. Achtung, der nächste Satz ist wirklich wunderschön. Eigentlich sogar beide.

Die Menschen in Gesellschaften mit polychronem Zeitverständnis haben Zeit. In zwischenmenschlichen Beziehungen und Kommunikationen ist der korrekte Abschluss der Interaktion wichtiger als die Einhaltung eines wie auch immer gearteten Zeitplans.

Und dann kommen wir, die Monochromen:

In Nordeuropa, Deutschland, Japan und den Vereinigten Staaten herrscht eine monochrone Einstellung gegenüber der Zeit: Es gibt nur eine Zeit; es wird vorausgesetzt, dass Verabredungen mit Angaben von Zeitpunkten oder Planungen, die mit Zeitabschnitten verknüpft sind, genau eingehalten werden. Die Einteilung der Zeit ist häufig straff organisiert, so dass Unpünktlichkeit einer einzelnen Komponente der Planung − beispielsweise der Eisenbahn, des Busses, des Flugzeuges oder des Staus auf der Autobahn− den Erfolg der Planung gefährden kann.

Das kann man doch nicht sympathisch finden. Und es geht noch ärger:

Sogar zwischenmenschliche Beziehungen werden nach der Uhr organisiert und die Pünktlichkeit oft den Bedürfnissen der Interaktion übergeordnet.

Furchtbar, nicht wahr? Und dann kommt der Clash der Kulturen:

Dort, wo monochrone und polychrone Kulturen aufeinandertreffen, muss es zwangsläufig zu Konflikten kommen. So trieb die chronische Unpünktlichkeit der „Eingeborenen“ bereits christliche Missionare in Afrika und Polynesien im 16. Jahrhundert fast zur Verzweiflung.

Da hab ich wirklich kein Mitgefühl. Und hier kommt noch was Interessantes und wie ich finde, sehr Sympathisches:

So verstehen beispielsweise die Menschen in Südamerika unter einem Termin um 10 Uhr eher „später Vormittag“, d.h. irgendeine Zeit zwischen ungefähr 9 Uhr 30 und Mittag und sind so nach westlichem Zeitverständnis zwangsläufig unpünktlich.

Mal gucken, ob das Leben auf einer argentinischen Farm nicht was für mich wäre.

6 Gedanken zu „chronisch unpünktlich, monochrom ist doof und ab in eine polychrone kultur.

  1. wortfeilchen

    Auch wenn ich grundsätzlich polychron funktioniere, bin ich pünktlich, denn ich denke mir, mein Gegenüber hat sich Zeit für mich genommen, ich bin ihm oder ihr wichtig und möchte dies unterstützen und wertschätzen – durch meine Pünktlichkeit.

  2. tina

    Oh ja, die Idee dahinter ist richtig und wichtig. Wenn’s funktionieren würde, wär ich da dabei. Ich finde Punktlandungen nur so schwierig. Und sie machen das Leben schwieriger.

    Heute haben unsere Eltern uns mal warten lassen, störte mich nicht die Bohne. Verständnis is auch ein Wert. :-)

    Polychrone Gesellschaft klingt hübsch nach Polynesien, oder? Ab dafür!

  3. Harald Klasen

    Noch ein Wort zu „Punktlandungen“.

    Vorab: Ich bin ein Fan von Punktlandungen.

    Aber: Wenn ich einen Termin bei einem Konzern, einer größeren Behörde – also Stellen mit komplexen Gebäuden oder Geländen – habe und die noch nie was von einem Besucherleitsystem gehört haben, komme ich aus Prinzip (meistens aber auch aus faktischem Zwang) zu spät.

    Wenn jemand es in einer monochronen Gesellschaft nicht schafft mir zu zeigen wo es lang geht, dem begegne ich ganz automatisch polychrone und – wenn die was von mir wollen – mit Absagen. :-)

    glg
    Harald

  4. Birgit Donner

    Ich muss ehrlich zugeben, dass ich meistens die typischen 5 Minuten zu spät dran bin, auch wenn ich mir noch so viel Mühe gebe. Ich nehme mir meistens zu viel vor, das hat nichts damit zu tun, dass mir der Termin nicht wichtig wäre. Meine Freunde kennen (und tolerieren) dies zum Glück schon. Bei offiziellen Terminen komme ich dann eher ins Schwitzen.

  5. Johanna Schmidt

    Also mir ist das mit der argentinischen Farm eigentlich recht sympathisch, … komm ich heut nicht, komm ich morgen, oder irgendwann im Laufe des Vormittags.

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